Das Mädchen Scheherazade


Es war einmal, vor vielen hundert Jahren, da lebte in Samarkand ein Mädchen namens Scheherazade.
Scheherazade war fünfzehn Jahre alt und sie hatte eine kleine Schwester namens Dunjazade. Diese war neun Jahre alt. Der Vater der beiden Mädchen hatte eine angesehene Stelle, denn er war der Wesir von Sultan Schahirar. Die Familie hatte also ein gutes Auskommen, ein schönes Haus und eigentlich wäre die Geschichte hier schon zu Ende gewesen. Der Vater von Scheherazade und Dunjazade aber war sehr unglücklich. Der Sultan, dessen Frau vor einem Jahr gestorben war, war vor lauter Kummer darüber kalt und grausam geworden. Jede Nacht musste der Wesir dem Sultan eine Sklavin bringen, mit der der Sultan die Nacht verbrachte. Am darauf folgenden Morgen liess der Sultan die Mädchen jedoch immer töten, da er durch sie daran erinnert wurde, dass seine liebe Frau nicht mehr lebte. Im ganzen Reich herrschte darüber grosse Angst und jede Familie versteckte die heranwachsenden Töchter, damit sie nicht dieses grausame Schicksal erleiden sollten.
Früher, als die Sultanin noch lebte, war es für ein Mädchen eine grosse Ehre, in den Harem des Palastes aufgenommen zu werden. Sie wurden in den alten Schriften unterrichtet, lernten im Palastgarten alle Pflanzen und deren Verwendung für Tee und Salben kennen, ausserdem wurden sie im Tanz und in der Musik geschult. Dies waren alles Künste, in denen eine arme Familie ihre Kinder hätte nie ausbilden können. Hatte der Sultan Gäste, musizierten und tanzten die Mädchen zu deren Unterhaltung. Nicht selten geschah es dann, dass sich junge Prinzen, die zu Gast beim Sultan waren, in eines der Mädchen verliebten und sie zur Frau nahmen. Die Familie des Mädchens war fortan wohlhabend und angesehen.
Seit die Sultanin aber tot war, kümmerte sich niemand mehr um die Haremsmädchen und jede Familie machte sich grosse Vorwürfe, ihr Kind in den Harem des Palastes geschickt zu haben. Niemand war sich sicher, ob die eigene Tochter noch lebte. Das ganze Reich trauerte um diese schlimmen Vorfälle. Der Vater von Scheherazade und Dunjazade tat kein Auge mehr zu, weil er dieses Leid mitverantworten musste und er wollte das Verbrechen der armen Mädchen nicht mehr länger mit tragen.
Scheherazade beriet sich mit ihrer kleinen Schwester und die beiden fassten einen Plan. Scheherazade hatte früh lesen gelernt und so war das Lesen ihr zur Lieblingsbeschäftigung geworden. Sie kannte die Geschichten und Legenden aus alten Zeiten und sie kannte die Weisheiten von längst versunkenen Völkern. Wenn der kleinen Schwester mal langweilig war, bat sie Scheherazade, ihr doch eine Geschichte zu erzählen. Und so kam es, dass Scheherazade nicht nur das Wissen, von bestimmt tausend Büchern hatte, sie konnte auch wunderschön erzählen. Was sie erzählte, bewegte das Herz des Zuhörers, denn es war von tiefer Weisheit über die Welt geprägt.
Da die beiden Mädchen ihren Vater nicht mehr leiden sehen konnten, fassten sie den kühnen Plan, den Sultan von seinen grausamen Taten abzubringen, seinen Kummer zu heilen und sein Herz wieder weich zu machen für die Menschen in der Welt. Sie beteten zu Gott und vertrauten darauf, dass er ihnen bei diesem Plan helfen würde, denn das ganze Reich hatte unter dem Sultan zu leiden.
Die beiden Schwestern gingen zu ihrem Vater, erzählten von ihrem Vorhaben und baten ihn, er möge sie am Abend zum Sultan bringen. Der Wesir erschrak fürchterlich, warf sich zu Boden und flehte Allah an, er möge dies doch verhindern, denn die Kinder waren sein ganzer Stolz und wenn er sie verlieren würde, hätte er keinen Halt mehr auf dieser Welt. Die beiden Mädchen aber blieben dabei und als der Vater die Willensstärke der beiden sah, fasste er ein klein wenig Hoffnung, dass der Plan doch gelingen könnte. Schweren Herzens brachte er seine Kinder am Abend zum Sultan.
Die Kinder waren beeindruckt von der Schönheit des Palastes, von all den kostbaren Vorhängen und Teppichen und von dem prunkvollen Baldachin, unter dem der Sultan zum Zeichen seiner unnahbaren Würde thronte. Nachdem sie ein paar Früchte zum Willkommensgruss gegessen hatten, bat Dunjazade ihre Schwester, sie solle doch eine ihrer Geschichten erzählen. Der Sultan, der sich sowieso immer langweilte und der für jede Zerstreuung dankbar war, fand die Idee gut und ermunterte Scheherazade, mit der Geschicht zu beginnen. Scheherazade erzählte die Geschichte vom Fischer, der eine Flasche fand. Leicht flossen die Worte über ihre Lippen und der Sultan war ganz verzaubert von ihrer Erzählkunst. Dunjazade erschrak, als in der Geschichte plötzlich der Geist aus der Flasche kam, und auch der Sultan verfolgte die spannende Geschichte mit lautem Oh und Ah. Da kein Erwachsener in der Nähe war, konnte er sich so schwach zeigen, denn er konnte sich ja nicht blamieren.
Als die Geschichte endlich gut ausgegangen war, zitscherten im Palastgarten schon die Vögel. Scheherazade hatte die ganze Nacht durch erzählt und es war nun heller Morgen. Der Sultan war aber so bewegt, dass er Scheherazade bat, ihm doch in der nächsten Nacht wieder eine Geschichte zu erzählen. Das Leben der beiden Mädchen war also gerettet und die Palastwachen staunten nicht schlecht, als die Tür des Sultangemaches aufging und die Schwestern gesund und nur ein wenig übernächtigt wieder herauskamen. So war es nun jeden Morgen: Tagsüber durften die Kinder nach Hause und am Abend gingen sie zum Sultan und Scheherazade trug ihm eine Geschichte nach der anderen vor. Nach und nach erzählte Scheherazade von allen Dingen der Welt, von allen Schicksalen, welche die Menschen betrafen und der Sultan traute sich mehr und mehr, sein gebrochenes Herz wieder zu entdecken. So gab es manche Nacht, da schluchzte er lauthals über das vergangene Leid, dass es der ganze Harem hören konnte. Der Wesir aber war stolz auf seine beiden Kinder und im ganzen Reich verbreitete sich die Kunde von der Erzählkunst der Scheherazade. Im Harem des Palastes wurde wieder gesungen und getanzt, denn die Haremsmädchen brauchten nicht mehr um ihr Leben zu bangen.
Scheherazade erzählte tausendundeine Nacht alle Geschichten, die sie kannte. Am Ende der tausendundeinen Nacht aber erhob sich der Sultan von seinem Diwan, kniete vor Scheherazade nieder und fragte sie, ob sie seine Frau werden wolle. Und da Scheherazade inzwischen fast drei Jahre älter geworden war und sie sich nun im heiratsfähigen Alter befand, willigte sie gerne ein, denn sie hatte den Sultan schon lange in ihr Herz geschlossen. Der ganze Hofstand legte sich ihr zu Füssen und das ganze Reich feierte zur Hochzeit ein grosses Jubelfest, denn Scheherazade hatte mit ihrer Erzählkunst nicht nur den Sultan, sondern das ganze Reich gerettet.
Quelle: "Iftah ys sim sim - spielend den Orient entdecken"

 




Die Steine der Tänzerin


Das Feuer beleuchtete ihr Gesicht beim Tanz. Die Nacht war herangebrochen und der Mond schien hell und silbern in den Palmenhain. Die Tänzerin bewegte sich geschmeidig zum Takt ihrer Zimbeln und der Widerschein der Flammen verlieh ihrem Gesicht einen fremden Ausdruck. Ein leichter Wind kam auf, umspielte ihren Körper und liess die kleinen Schellen an ihrem Rocksaum leicht ertönen, als wolle die Natur einen Teil der Musik mitgestalten. Ein Tropfen Blut fiel neben das Feuer in den hellen Sand. Der Tanz jedoch ging weiter. Auf der anderen Seite des Feuers wuchs die Gier im Gesicht des dort sitzenden Mannes. Er hielt einen hellen Stein in seiner groben Hand, der von inneren Sternen und Leben zu glühen schien. Und immer weiter tanzte die Frau. Ein dritter und ein vierter Blutstropfen landete im Sand. Fast schienen die Tropfen ein Muster zu bilden. Die Nacht schien kühler zu werden und der Mond breitete seine silbernen Strahlen über der Szene aus. Die Tänzerin glühte vor Anstrengung, doch ihr Tanz liess nicht nach.
Zum Schluss lagen neun Blutstopfen im Sand. Der Tanz wurde langsamer, und die Tänzerin begann im Takt mit den Schritten und Zimbeln einen Singsang anzustimmen. Mit dem Finger ihrer linken Hand berührte sie den ersten Tropfen Blut und flüsterte ein Wort. "Macht", sagte sie leise. Dann liess sie die Zimbeln drei Mal erklingen und berührte den nächsten Tropfen. "Frauen", sagte sie und der Mann konnte sehen wie das helle Blut im Sand zusammenzog und einen Stein bildete. "Reichtum", flüsterte sie beim dritten ohne ihren Gesang zu unterbrechen. "Stärke", beim vierten und "Treue" beim fünften. Jedesmal, wenn die Tänzerin ein Wort sprach, schienen die Palmen die Worte aufzufangen und flüsternd zu wiederholen. "Krieg", beim sechsten und beim siebten;"Sieg", beim achten "Söhne" und beim neunten Stein nur seinen wahren Namen.
Langsam hockte sie sich auf die Knie und betrachtete das Ergebnis ihres Tanzes. Auf der anderen Seite des Feuers lachte der Mann auftrumpfend. "Gib sie her", sagte er. Die Tänzerin sah ihn mit entseeltem Gesicht an. "Zuerst musst du mir mein Leben wiedergeben". Der Mann lachte kehlig. Über das Feuer warf er den glänzenden Stein. Er flog über die Tänzerin hinweg und in den dahinterliegenden Palmenhain. Ihr Gesicht veränderte sich nicht. Sie raffte sich hoch, nahm ihre Steine aus dem Sand und reichte sie dem Mann. Dann verliess sie das Feuer. Unter den Palmen am Rande der Lichtung, hob sie ihren Stein auf und presste ihn ganz fest an ihre Brust. Das Glühen des Steines schien plötzlich von ihrem Körper Besitz zu ergreifen und stand im Ausdruck ihrer Augen als sie sich dem Mann nocheinmal zuwandte. "Ich muss dir etwas Wichtiges sagen". Ihre Stimme klang voll und weich.
Dann sag es, Miststück. Ich brauchte nicht mehr zu wissen als dass ich mit Hilfe dieser Steine meinen Halbbruder vom Thron, das Leben und seinen Harem nehmen kann, über die Treue der Armee verfüge und den nächsten Krieg gegen das südliche Königreich gewinnen und stolze Söhne zeugen werde". Er lachte laut während er sein Pferd bestieg. "Und niemand kann mich daran hindern, dank deiner Hilfe". "Du hast recht, Mann. Aber du darfst eines nie vergessen, der neunte Stein wird dich vernichten, deinen Körper langsam und schmerzhaft zerstören und deine Seele völlig verzehren". Ihr Körper war nun mit dem Glühen des Steines erfüllt und sie begann langsam zu verschwinden.
Der Mann lachte laut und hochmütig auf. "Dann werde ich den neunten Stein eben niemals benutzen".
Die Tänzerin verschwand fast völlig vor seinen Augen, nur ein leichtes Glühen spielte noch zwischen den Palmen und ihre warme Stimme hing in der Luft. "Dann sag mir Mann: Welcher Stein ist der neunte ?"
Quelle: Halima 2/97

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